Am 18. April Abstimmung über Büchereistandort

Konkurrierende Stellungnahme der Stadtvertretung Kappeln zum Bürgerentscheid über den Verbleib der Bücherei

In ihrer Sitzung am 24. Februar 2021 hat die Stadtvertretung gemäß § 16 g Abs. 5 i. V. m. § 16 g Abs. 1 Gemeindeordnung beschlossen, dass zu der Frage des Bürgerentscheides, dass die Bücherei am jetzigen Standort erhalten bleiben soll, eine eigene, konkurrierende Vorlage zur Abstimmung gestellt wird.
Diese konkurrierende Stellungnahme „Pro & Contra“ wurde nun in der Stadtvertretersitzung am 5. 3. 2021 mit deutlicher Mehrheit beschlossen.

Die konkurrierende Stellungnahme der Stadtvertretung sowie  der gegenteilige Standpunkt der Vertretungsberechtigten des Bürgerbegehrens werden nachfolgend veröffentlicht.

Konkurrierende Stellungnahme der Stadtvertretung Kappeln,  – Pro und Contra-:

Pro: (Neubau)

In einer Umfrage bzgl. eines neuen Standorts gaben über 70% der befragten Personen an, dass das Zentrum der Kappelner Innenstadt der ideale Standort für unsere Stadtbücherei ist. Der Neubau am Deekelsenplatz entspricht diesem Wunsch – und bietet deutliche Verbesserungen gegenüber dem Bestandsgebäude. Das Grundstück, auf dem die neue Bücherei gebaut werden kann, befindet sich im Eigentum der Stadt Kappeln. Die ansprechende Lage in der Ortsmitte garantiert weiterhin eine unkomplizierte Erreichbarkeit und bietet gleichzeitig Potential für das Umfeld. Stellplätze für Autos und Fahrräder sind vorgesehen.
Eine zeitgemäße, moderne Bücherei bietet viele Chancen und mehr als „nur Bücher“. Es ist ein Ort zum Verweilen, der generationenübergreifenden Kommunikation und Begegnung. Angebote an verschiedenen Medien, Kultur- und Weiterbildungsmöglichkeiten unterstützen und fördern Medienkompetenzen, sowohl von Kindern und Jugendlichen, als auch Erwachsenen jeden Alters.
Das großzügige Raumangebot der neuen Bücherei kann auch von Vereinen, Schulen oder Kitas genutzt werden. Der Grundriss ermöglicht flexible Nutzungsmöglichkeiten der Räume, der Mehrzweckraum von 63 m2 bietet sich z.B. für Veranstaltungen oder Fortbildungsangebote an.
Je nach Bedarf können die den aktuellen Standards entsprechenden Bibliotheksmöbel unkompliziert variiert werden.
Durch die Verbindung mit attraktiven Außen- und Veranstaltungsflächen wie z.B. einer Leseterrasse und der Neugestaltung des Deekelsenplatzes entsteht ein absoluter Mehrwert. Gemeinsam mit den geplanten Räumlichkeiten wird eine hohe Aufenthaltsqualität für Einheimische und Gäste geboten.
Die ebenerdige Publikumsfläche, großzügige Raumangebote und attraktive Aufenthalts- und Veranstaltungsflächen im direkten Umfeld ermöglichen hier einen Ort mit Perspektiven für vielfältige Aktivitäten.
Sowohl die Mitarbeiterinnen der Bücherei, als auch die Büchereizentrale Schleswig-Holstein befürworten den Standort am Deekelsenplatz. Der Kostenrahmen für die Erstellung ist gut kalkulierbar. Aufgrund der öffentlichen Fördergelder ist der finanzielle Aufwand für die Stadt Kappeln deutlich geringer, als bei einer Sanierung des Altgebäudes.
Durch den Neubau nutzen wir die Chance, ein energetisch und technisch optimiertes Multifunktionsgebäude mit geringen Betriebskosten zu erstellen. Die im Obergeschoss befindlichen Büro- und Sozialräume für die Mitarbeiterinnen bieten einen modernen, attraktiven Arbeitsplatz.
Mit dem Neubau entsteht eine ansprechende Aufenthalts- und Veranstaltungsfläche in und um die neue Stadtbücherei. Die ehrwürdige Fassade des historischen Bestandsgebäudes bleibt vertraglich abgesichert erhalten.

Contra: (Verbleib am alten Standort)

Das Gebäude, in dem sich die Bücherei aktuell befindet, ist in einem schlechten, baulichen Zustand.
Das Kellergeschoss ist ohne zusätzliche Maßnahmen zur Abstützung einsturzgefährdet und offiziell gesperrt. Der bauliche, hygienische und technische Zustand ist für eine öffentliche Nutzung mittelfristig nicht hinnehmbar. Aufgrund des Grundrisses wäre trotz aufwändiger Sanierungen keine flexible, multifunktionale Nutzung, wie sie für eine moderne Bücherei notwendig ist, möglich.
Das Raumangebot im Altgebäude ist begrenzt. Auch große bauliche Veränderungen würden keine wirkliche Verbesserung erzielen können. Ein offener, uneingeschränkt barrierefreier Grundriss ist aufgrund der gegebenen Umstände nicht möglich. Um dem aktuellen Platzbedarf annähernd gerecht zu werden, wäre eine Nutzung der beiden Obergeschosse notwendig. Das Erreichen der oberen Etagen wäre nur durch den Einbau eines Fahrstuhls möglich. Dies wäre, ebenso wie ein ausreichender Brandschutz bei der Nutzung über mehrere Etagen nur unter hohem Kosteneinsatz gegeben. Die laufenden Kosten wären sowohl für den Fahrstuhl, als auch durch einen größeren Personalaufwand, deutlich höher.
Aufgrund der beengten Räumlichkeiten stehen den Mitarbeiterinnen weder adäquate Sozial- noch Büroräume zur Verfügung.
Die Umsetzung moderner, zukunftsorientierter Konzepte sowie flexible Veranstaltungsräume sind faktisch nicht möglich.
Eine Sanierung des Gebäudes wäre mit hohem Aufwand und Kosten bei einem ungewissen Ausgang verbunden. Das Fundament des Hauptgebäudes und die darauf aufliegende Decke bleibt selbst nach sorgfältigster Sanierung ein Schwachpunkt. Die Statik der Zwischendecken entspricht nicht den Anforderungen einer Nutzung .
Das Mauerwerk ist durchfeuchtet, eine Schimmelsanierung ist notwendig, die Haustechnik ist veraltet und nicht mehr zulässig. Das Fundament ist von außen aufgrund der teilweise direkt anschließenden Bebauung nur eingeschränkt erreichbar. Eine Sanierung würde die Beeinträchtigung bzw. Sperrung der Schmiedestraße für 1-2 Jahre bedeuten. Die Nutzung der Fußgängerzone wäre sowohl für Einheimische, als auch Gäste in diesem Zeitraum nur eingeschränkt möglich. Die Belieferung der dort ansässigen Geschäfte wäre ebenfalls nur mit hohem Aufwand zu gewährleisten und würde zu weiteren Beeinträchtigungen führen.
Für die Zeit der Umbaumaßnahmen wäre zudem die Anmietung von Containern notwendig, der Betrieb der Bücherei wäre in diesem Fall ebenfalls nur eingeschränkt und mit hohen Kosten möglich. Selbst bei erheblichem Einsatz von Eigen- und Fremdmitteln ist mit Kosten von mehr als 1 Million € zu rechnen – die von der Stadt Kappeln zu übernehmen wären, da eine bloße Sanierung nicht förderfähig ist.
Die Bausubstanz des Altbaus hat einen hohen und kostenintensiven Sanierungsbedarf, aufgrund der Bausubstanz sind die genauen Kosten nur schwer abzuschätzen.
Die Technik muss insgesamt erneuert werden, beginnend bereits an den Hausanschlüssen.
Das Raumangebot wäre trotz einer Sanierung deutlich zu gering. Die Ansprüche an eine moderne und entwicklungsgerechte Bücherei können am alten Standort nicht erfüllt werden

STANDPUNKT DER VERTRETUNGSBERECHTIGTEN DES BÜRGERBEGEHRENS

Was spricht für den Erhalt der Stadtbücherei am jetzigen Standort?

Das bestehende Büchereigebäude ist ein eindrucksvolles Gebäude mit einer erhaltenswerten Fassade, ein Stadtbild prägendes Gebäude. Das „Alte“ zu bewahren macht den Charme der Stadt aus und ein schöner Altbau passt thematisch gut zu einer Bücherei.
Im Hinterhof der Bücherei findet sich ein wunderschöner großer Lesegarten.
Die Lage ist gut erreichbar.
Die Kappler Bürgerinnen und Bürger haben einen emotionalen Bezug zu dem alten Bü­chereigebäude.
Ausreichender Brandschutz und Barrierefreiheit können im Rahmen einer Sanierung herge­stellt werden, alles ist machbar.
Im Zukunftskonzept Daseinsvorsorge – Stand 07.05.2018 – heißt es – die Sanierung der Stadtbücherei wertet den Standort in der Kappler Innenstadt erheblich auf.
Im September 2020 hat die Stadtbücherei Kappeln bereits 19.658,00 EUR für die Neugestal­tung und Modernisierung des Kinderbereiches erhalten – aus dem Soforthilfeprogramm für ,,zeitgemäße“ Bibliotheken in ländlichen Räumen.
Nutzungsmöglichkeiten können erweitert werden durch Ausbau der Bücherei auf alle Ge­schosse des Gebäudes unter Aufgabe der Vermietung der Wohnungen.
Mit der Aussage, dass die Sanierung der Stadtbücherei nicht förderfähig sei, stimmen wir nicht überein. Die Altstadt Kappeln ist in das Städtebauförderungsprogramm – Kleinere Städte und Gemeinden – aufgenommen worden, eine notwendige Voraussetzung für die In­anspruchnahme von Städtebaufördermitteln.
Das bestehende Gebäude liegt im förmlich festgelegten Sanierungsgebiet, für das eine Sanierungssatzung besteht.
Eine Förderung durch öffentliche Mittel, insbesondere durch Städtebaufördermittel von Bund und Ländern ist nach einer Bestandsaufnahme und Informationen über die bauliche Sub­stanz auf Antragstellung möglich.
Nach aktueller Kostenschätzung der Stadtverwaltung betragen die Kosten für die Sanierung 1.488.900,– € (ohne Fördermittel), Stand 04.09.2020. Sie liegen damit deutlich unter den Kosten für einen Neubau auf dem Deekelsenplatz, die nach aktueller Schätzung der Stadt­verwaltung – ohne Förderung – bei 2.118.000,00 EUR liegen.
Unklar ist derzeit, was aus dem alten Gebäude wird, wenn die Stadtbücherei dort auszieht.
Gibt es hier einen weiteren Leerstand – wie beim alten Postgebäude?
Was spricht gegen den Neubau der Bücherei am Deekelsenplatz?
Es sind dann keine freien öffentlichen Plätze mehr in der Stadt vorhanden. Diese werden für Veranstaltungen fehlen (z.B. Heringstage, Open-Air-Kino, After-Work-Party, Töpfermarkt).
Der nach einem Neubau verbleibende Platz wird auch für den Wochenmarkt nicht mehr aus­reichen, so dass dieser an einen anderen Platz umziehen müsste.
Notwendige Parkplätze in der Innenstadt gehen verloren.
Der vorhandene Baumbestand (die wunderschöne alte Kiefer) kann nicht erhalten bleiben.
Anders als beim Erhalt des vorhandenen alten Büchereigebäudes müssen bei einem Neu­bau am Deekelsenplatz alle Ver- und Entsorgungsanlagen neu geschaffen werden.
Schmutzwasser muss in das städtische Netz eingeleitet werden. Oberflächenentwässerung muss abgeführt werden. Frischwasserversorgung muss durch das Wasserwerk übernommen werden. Strom- und Gasversorgung muss zur Verfügung gestellt werden.
Die Förderfähigkeit zum Neubau der Bücherei ist noch nicht geprüft, da das Konzept der vor­bereitenden Untersuchung vom Ministerium noch nicht genehmigt wurde.
Nach aktueller Kostenschätzung der Stadtverwaltung betragen die Kosten für einen Ersatz­neubau am jetzigen Standort 2.118.000,00 EUR -ohne Fördermittel. Zugrunde gelegt wurde dabei eine Nutzungsfläche mit Nebenfläche von 600 qm und ein Quadratmeterpreis von 3.530,00 EUR.
Der Quadratmeterpreis ergibt sich als durchschnittlicher Kostenkennwert für Bibliotheken aus dem Baukostenindex 2019. Auch die Kosten nach den neuen Plänen für den Neubau der Bücherei am Deekelsenplatz würden sich in diesem Rahmen bewegen.
Damit liegen die Kosten für einen Neubau -ohne Fördermittel -deutlich höher als die Kos­ten, die bei einer Sanierung der Stadtbücherei anfallen und bei etwa 1.498.900,00 EUR (ohne Fördermittel) liegen.

Dazu  angemerkt:

Nach dem Beschluss der Stadtvertretung am 24. August 2020 sind zwischen Befürwortern eines Neubaus der Bücherei am Deekelsenplatz und dem Verbleib der Bücherei in der Schmiedestraße am alten Standort viele Argumente ausgetauscht worden. Leider gingen sehr viele Äußerungen gegen einen Neubau, insbesondere in Leserbriefen, an den Fakten vorbei. Von Fachleuten bekundete Stellungnahmen und Einschätzungenund auch zuvor gescheiterte Alternativen  wurden oft gar nicht zur Kenntnis genommen. Vielmehr wurde zunehmend nur in Schwarz-Weiss-Malerei und ohne erkennbare Bereitschaft zuzuhören argumentiert. Waren es am Anfang vielleicht noch Missverständnisse, so wurde am Ende oft nur alles in unbelegten Zweifel gezogen, was für einen Büchereineubau vorgebracht wurde. Zunehmend wurden sachfremde Bewertungen eingebracht Diese Entwicklung gab im Wesentlichen den Anlass für die Stadtpolitik, dem zugelassenen Begehren auf einen Bürgerentscheid gegen den Büchereineubau eine „konkurrierende“ Stellungnahme der Stadtvertretung entgegenzustellen. 

Die Fraktionen der LWG, CDU, Bündnis/Grünen und des SSW halten geschlossen an der anfänglichen Einstimmigkeit für den Büchereistandort am Deekelsenplatz (24. 6. 20) fest. An der Formulierung der konkurrierenden Stellungnahme der Stadtvertretung, zu der alle Fraktionen eingeladen waren, haben sie verantwortungsvoll und immer faktenorientiert gearbeitet. Wir meinen, dass die entstandene Konzentration der  Argumente für einen Büchereineubau am Deekelsenplatz überzeugend darstellt, dass dieses Projekt ein wichtiger Baustein für die Entwicklung der Stadt Kappeln ist. Die Bücherei wird durch ihre Einbindung in den Deekelsenplatz mit dessen Neugestaltung  und auch erreichbar über eine Fahr- und Gehstraße das Zentrum der prägenden Altstadt in der Weise stärken, wie es seit sehr vielen Jahren angestrebt wird. Diese Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen, zumal das Projekt auch die Anerkennung innerhalb des Städtebauförderungsprogramms und der Büchereizentrale Schleswig-Holstein gefunden hat.  Das drückt sich in der angekündigten Zusage einer großzügigen Investitionsförderung mit 2/3 der Kosten aus. Dafür erhalten wir eine zeitgemäße Bibliothek, die langfristig allen Anforderungen gerecht wird, die anerkannte Experten der Klultur- , Bildungs- und Medienwissenschaft heute an das Konzept einer Bücherei als „dritten Ort“ stellen. Nicht nur „Bücherausleihe“, sondern auch niederschwelliges, barrierefreies Kommunikationszentrum für „Jung und Alt“, vielfältige Veranstaltungsstätte in großzügiger Anlage und geselliger Aufenthaltsort aus verschiedenen Anlässen werden das vielfältige Angebot unserer Stadt an die Einheimischen und Gäste in der neuen Stadtbücherei am Deekelsenplatz sein.

 

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